Eingeschneit in Kerames

Ich hätte gewarnt sein müssen: der schönste Strand Kretas und kein Mensch außer mir da. Gut, wir haben Mitte Februar und es ist unter 6 Grad Höchsttemperatur, aber so einsam ?!? Abends kommt Sturm auf, deutlich zu merken, wenn Alkoven und Motorhaube mit Macht gepackt werden und der Bug in die Federung gedrückt wird. Zur Nervenberuhigung sehe ich mir zunächst das Atomkatastrofen-Lustspiel „The Day after“ an, dann noch einige Episoden von „The Prisoner“, den älteren von uns noch bekannt unter „Nr. 6“, in dem Patrick McGoohan einen Agenten spielt, der auf einer Insel gefangen ist. Den Rest der Nacht verbringe ich damit, bei zu viel Schaukelei den Bug wieder in den Wind zu bringen, um die Angriffsfläche des Aufbaus zu reduzieren. An Schlaf ist nicht zu denken, dafür sehe ich einen Regenbogen ohne Farbe, verursacht durch das Mondlicht. Als es am nächsten Tag weniger regnet und ein Schneesturm aufzieht, gehe ich noch mal zu Fuß den Weg an der Küste bis zur nächsten Asphaltstrasse ab. Auf dem Rückweg beseitige ich einige Dutzend große Steine und bereite eine passable Fahrspur für das Womo vor unter Berücksichtigung der Bodenfreiheit. Bis zu den Engstellen fahre ich und fülle die fehlenden Fahrbahnteile mit Steinen auf. Schließlich noch mit dem Camping-Berger-Spaten ein Stück Böschung abgetragen und die Strasse auf Spurbreite gebracht, dann Augen zu und durch. Erleichtert steige ich immer höher auf dem Weg zur Hauptstrasse Rethymnon-Agia Galini, bis im Dorf Kerames nichts mehr geht, die Vorderräder kommen mit dem Schnee nicht zurecht. Mir juckts in den Fingern, die nagelneuen Schneeketten auszuprobieren schließlich habe ich daheim das Aufziehen der Ketten schon brav trainiert. Den Gedanken allerdings, damit über den Pass zu kommen, verwerfe ich aber schnell wieder. Ein Liegenbleiben in dieser Gegend, ein Ausrutscher mit Schaden am Fahrzeug sind den Spass nicht wert. Also parke ich das Womo im Windschatten zwischen einer Kirche und einer Werkstatt. Trotzdem ist die nächste Nacht zu unruhig für Schlaf, zumal das Thermometer auf -4 Grad fällt und Wintercamping weder von der Heizleistung noch von der Isolierung her vorgesehen war. Bei mehr als 30 cm Neuschnee (im Süden Kretas!!) entschließe ich mich morgens schweren Herzens, das Womo im Stich zu lassen und frage in der Dorftaverne nach einer Schlafmöglichkeit. Fündig werde ich gut 50 Meter unterhalb meines Stellplatzes. Schönes Gästehaus, nette Leute, die Kordales, die sich in Decken eingehüllt in ihrem geheizten Wohnzimmer aufhalten. Was es heißt, vom Regen in die Traufe zu kommen merke ich, als ich vom nicht zu heizenden Gästezimmer aus den traumhaften Blick auf die Bucht von Triapetra genieße und klar wird, dass z.Z. nicht mal Strom und damit kein Warmwasser da ist. Abends geht’s dann wieder mit dem Strom für meine DVDs, gegen die Kälte hilft nur die Biber-Bettwäsche aus dem Womo, zu der meine Doris wieder mal zu Recht geraten hatte. Gegen das ständige Kläffen der Dorftölen hat man ja sein Ohropax. Nach dem Kaffee schiebe ich von der höher gelegenen Kirchhofmauer aus den gröbsten Schnee vom Dach, befreie insbesondere Solarzellen und Dachlüfter und grabe mit dem Spaten einen Weg für das Womo frei. Danach ist bei schönstem Sonnenschein zusammen mit den Männern des Dorfes Warten angesagt, bis kurz nach Mittag die Nachricht von der Öffnung des Passes eintrifft. Im hochgezogenen 2ten Gang, mit Schwung in die Serpentinen, über Restschnee und Eis jage ich der Passhöhe entgegen. Einmal kommt bei der Beseitigung einer Eisfläche noch der Spaten zum Einsatz, dann ist es geschafft. Entgegenkommende Fahrzeuge und der Schneepflug machen freundlich und rechtzeitig Platz, so dass ich bald die Hauptstrasse erreiche, auf der ich mit Vollgas wärmeren, schneefreien Gegenden Kretas entgegenstrebe. Verkehr gibt es kaum, die meisten Ortschaften sind noch immer von der Außenwelt abgeschnitten.